Analyse eines Auszugs aus dem 6. Kapitel aus Unterm Rad von Hermann Hesse

Der analysierte Auszug beginnt im 6. Kapitel bei dem Satz ,,Dieser Schluck Most […]“ und endet nach dem mit ,,Sein leichtes Schifflein“ beginnenden Satz.

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In dem vorliegenden Auszug aus Hermann Hesses 1906 erschienener Erzählung Unterm Rad wird die erste sexualitätsbezogene Erfahrung des Protagonisten Hans thematisiert, welche die psychische beziehungsweise sexuelle adoleszente Entwicklung des durch das schulische System und die Erziehung sozial eingeengten Jungen darstellen soll. Die psychische Entwicklung stellt hierbei den Beginn einer neuen geistigen Phase für Hans dar, das Ende seiner Kindheit.

Zu Anfang des Auszugs führt Hans beim Arbeiten Berührungen mit einem Mädchen herbei und nähert sich auch kommunikativ an. Im Schein der neuen Erfahrung reflektiert er vergangene Beobachtungen wie das Verhalten von Mägden und Herren zueinander und fällt in einen Zustand, in welchem seine Wahrnehmung verschwimmt beziehungsweise nur noch aus einzelnen Eindrücken des Mädchens besteht. Allerdings wirkt er hierbei unsicher und am Ende sogar konsterniert. Er muss sich im Schock an etwas abstützen, spricht ab diesem Punkt nur noch wenig mit dem Mädchen und blickt sie nur sobald sie es nicht sieht mit gemischten Gefühlen an. Das Erlebnis wird als Ende seiner Kindheit und Anfang einer unruhigen Zeit aber auch möglicherweise erfülltem Leben charakterisiert. 

Unfokalisiert wird hierbei aus der Sicht eines unbeteiligten Erzählers in Form der späteren Narration Hans Gefühlsausbruch, sein Schock und die psychische Entwicklung in Form des Auftuens der für den sozial eingeengten Jungen unbekannten Welt geschildert. Seine aus der Situation folgende Unsicherheit aufgrund des bisherigen geringen sozialen Kontakts wird in der Metapher ,,und er atmete so schwer wie ein Gaul” (Z. 15) deutlich. In Nervosität und belastet durch die fremdartigen Eindrücke steigt seine Atmung. In diesem Zustand ändert sich seine Wahrnehmung in eine unwirkliche, fantasievolle Form, sodass beispielsweise die ,,Gestalt [des Mädchens] zerfließt (Original: zerfloss)” (Z. 22) und sich die anderen Anwesenden ,,in lachenden Wolkenwesen” auflösen, wobei ,,lachend” indiziert, dass es sich um eine positive Erfahrung handelt. Doch die Wahrnehmung kehrt nach einiger Zeit wieder zur eher objektiven Beobachtung zurück und Hans fällt seine Veränderung erkennend in einen Schockzustand, er wird blass und müde (vgl. Z. 37). Er wird mit neuen Eindrücken und Emotionen konfrontiert und von diesen angezogen, was sich an der Metapher ,,tat ein neues [...] verlockendes Land auf” festmachen lässt. Das ,,neuartige Land” stellt hierbei die Erfahrung von Lust, Liebe und weiteren Emotionen dar. Dies steht im Konflikt zu seinem bisherigen von der Schule dominierten Leben und dem wenigen sozialen Kontakt, sodass er gemischter Gefühle ist, was sich in der Verwendung von positiv und negativ konnotierten Wörtern hintereinander (,,angstvolle Wonne” Z. 4, ,,süße Qual” Z. 46) zeigt. In insgesamt beschreibender Weise wird über die aktuelle Bewusstseinsdarstellung hinaus die folgende im Zwiespalt zwischen Pflichtbewusstsein und der Entdeckung neuer Gefühlshorizonte stehende Veränderung Hans angedeutet. Sein Zwiespalt zeigt sich in ,,Mischung aus unbekannter Lust und bösem Gewissen” (Z 43). Aus dem Zwiespalt resultiert eine Unruhige und psychisch schwierige Phase für Hans. Dies wird durch eine Schifflein-Metapher verdeutlicht, in welcher Stürme, Untiefen und Klippen für die aufkommenden psychischen Konflikte stehen. Aus den Gefahren des Meeres müsse Hans und allgemeiner jeder Jugendliche nach dem Erzähler selbstständig finden (vgl. Z. 54). Auch bedeutet die Erfahrung von Lust und Liebe das Ende der Kindheit, wobei die Metapher ,,und dass seine Seele das Land der Kindheit verlassen hat” (Z. 15) diesen Umstand verdeutlicht. Die Situation und die hieraus folgende Gefühlslage werden chronologisch, detailliert und somit zeitdehnend wiedergegeben, wobei der Erzähler aufgrund fehlender Widersprüche zuverlässig wirkt. Wie sich in den vielen sprachlichen Mitteln zeigt, ist die Sprache passend zu dem benutzten Hochdeutsch eher anspruchsvoll und dementsprechend von einem hypotaktischen Satzbau geprägt.

Insgesamt wird in dem Protagonisten eine für diesen fremdartige Stimmung mit für ihn unbekannten Emotionen hervorgerufen, die das Ende seiner Kindheit und eine neue psychische Phase einleitet, welcher er zum einen freudig entgegenblickt zum anderen aber auch in Pflichtbewusstsein gegenüber dem ihn einengenden System mit Unsicherheit und Furcht gegenübersteht.

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