Antwort auf Christa Wolfs These des Urteilsvermögens durch Prosa aus dem Aufsatz Tabula rasa

Christa Wolf postuliert, dass moralisches Urteilsvermögen auf Prosaliteratur und insbesondere auf Gedichten aufbaut. Ohne diese wären ,,Gut und Böse schwankende und unsichere Begriffe” (Z. 33f.). Auf sie selbst bezogen lässt sich das auf ihrer Definition von ,,moralisch” basierende Argument nicht wiederlegen, doch in seiner Impliziten Übertragung auf den Leser ist es nicht tragbar beziehungsweise wenig sinnvoll. Gut und Böse sind schwankende Begriffe und das sollten sie auch sein. Dächte man in diesen Kategorien so würde man sich seine moralischen Entscheidungen zu einfach machen. Dem nach dem Vorbild der Märchen aufteilenden Menschen nach schlecht und gut fehlt das Vermögen des Verständnisses, des Abwägens. Das Böse und Gute als Motivation sind unzureichend. Der beleidigende, cholerische Mensch ist nicht einfach böse - viel eher einsam und dazu aus seiner Perspektive keineswegs Böse. Der Räuber handelt nicht aus Bosheit - eventuell warten hungrige Kinder zu Hause - und ist es moralisch verwerflich den millionenschweren Bänker um einen Teil seines Geldes zu erleichtern? Das soll allerdings nicht heißen, dass Literatur diese Werte nicht vermitteln könne. -> Verbrechen und Strafe

Darüber hinaus stellt sie auf, dass es ohne Literatur zu einem minder entwickelten Verständnissvermögen käme. Auch dieses Argument ist auf sie bezogen nicht widerlegbar, allerdings gilt auch hier wieder die Übertragung auf den Leser, welche bereits am Anfang des Aufsatzes durch ,,leisten wir und ein Gedankenexperiment” (Z. 1) deutlich wird. Verständnis beruht auf Erfahrung, Wissen und Auseinandersetzung mit diesen und weiteren Aspekten. Prosaliteratur ist in der Lage, Wissen und Erfahrungen zu vermitteln, doch sie stellt nur einen von vielen Wegen hierzu dar und ist nicht unbedingt essentiell. Für eine breitere Gültigkeit müsste das Argument durch beispielsweise Selbstauseinandersetzung, Gespräche, Bilder, Gemälde, etc. ergänzt werden, doch dann würde man schnell zu einer allgemeingültigen Aussage gelangen: ohne jegliche Erfahrung, Wissen und Auseinandersetzung gibt es kein Verständnis. Hieraus folgt, dass das Argument erweitert werden müsste, dann aber schnell insgesamt unsinnig werden würde.

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